Dummer Teufel - Armer Teufel

In meiner Ausarbeitung "Stufentheorie" war ich plötzlich beunruhigt: Gibt es das "totale Böse"? Darauf überließ mir Philosoph und Buchautor Dieter Sienknecht sein Essay "Dummer Teufel Armer Teufel". Er geht darin der Frage nach, wie es um die Rolle des Bösen in der Welt bestellt ist. Die Antwort ist erfreulich: Das Böse kann ohne das Gute nicht existieren. Immer ist zuerst "das Gute". Eine Gefahr besteht allerdings: Das Böse kann alles zerstören, also auch das Gute! Das Gute hat in diesem Kampf allerdings die besseren Karten.

Hier sein Essay:

Faust, Satan und die Zukunft des Bösen

-Die nachstehenden Überschriften und Hervorhebungen stammen von mir-

Um den Teufel zu treffen, muß man sich etwas Mühe geben; das wußte schon Goethe. Er zeigt sich nicht offen, sondern will hervorgelockt, hervorgekitzelt werden. Ist er aber beschworen, muß man sich vor ihm höllisch in acht nehmen. Wenn man es geschickt anstellt, kann man ihn jedoch hereinlegen. Selbst ein witziger und geistreicher Teufel wie Mephistopheles ist dagegen nicht gefeit.

Dabei hätte Mephisto eigentlich durch den Prolog im Himmel gewarnt sein müssen, zumal er offensichtlich, wie der Herr auch, Leibniz gelesen hat. Auf das Wettangebot des Teufels läßt sich der Herr zwar nicht ein: wer wettet schon mit Untergebenen! Aber er läßt Mephisto mit großer Gelassenheit gewähren, denn er weiß: ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt. Auch wo der Teufel, oberflächlich betrachtet, Erfolg hat, darf er frei nur erscheinen. Ernsthaft zur Last fallen kann er dem Herrn nicht.

Woher die Überlegenheit des Guten?

Woher aber nimmt der Herr seine unerschütterliche Gewißheit der Überlegenheit des Guten? Der Zustand der Welt rechtfertigt diesen Optimismus keineswegs, weder zu Goethes noch zu unseren Zeiten. Empirisch war und ist das Böse höchst erfolgreich, und nichts garantiert, daß sich daraus letztlich triumphierend der absolute Geist, die klassenlose Gesellschaft oder ein irgendwie sonst geartetes Paradies erheben wird. Trotzdem scheint auch Mephisto an seinem Erfolg zu zweifeln, wenn er sich bei Faust vorstellt als „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint? Nicht weniger als die Einsicht, daß es ein autonomes Prinzip des Bösen nicht gibt und nicht geben kann. Ohne das Gute kann das Böse nicht sein, nur im Hinblick auf das Gute kann es existieren. Auf den ersten Blick scheint das verwunderlich, denn wir kennen doch das Böse als Prinzip des Destruktiven, und auch Mephisto sieht sich offenbar so. Aber Vorsicht: Mephisto ist kein dummer Teufel. Das naive Böse freilich legt über sein Tun keine Rechenschaft ab, es denkt überhaupt nicht nach sondern verfolgt seine egoistischen Zwecke ohne Rücksicht auf Verluste, um sich – etwas Gutes zu tun.

Dieser dumme Teufel ist allenfalls kriminalpolitisch von Interesse, aber er ist kein möglicher Gesprächspartner. Wenn er jedoch anfängt nachzudenken, kommt er unweigerlich in Schwierigkeiten. Das Destruktive muß nämlich, wenn es denn als Prinzip bestehen will, verallgemeinerbar sein. Damit aber wendet es sich auch gegen sich und erweist sich als selbstwidersprüchlich. In der Tat ist eine Pflicht zum Bösen schlechterdings nicht vorstellbar. Das Böse erscheint immer nur als Negation des Guten, welches zuvor als solches anerkannt sein muß. Hieran scheitert jeder Satanismus. Mephistos Versuch, die Finsternis als das Primäre zu postulieren, erweist sich als hohle Rhetorik. Armer Teufel!

Soweit sind Faust und Mephisto sich einig. Trotzdem schließt Mephisto mit Faust eine Wette ab und glaubt, diese gewinnen zu können. Wie wir wissen, verliert er. Mephisto verkennt die Situation gleich zweifach, nämlich einmal auf Erden und zum anderen im Himmel. Auf Erden hat er es mit einem Unersättlichen zu tun, welcher um seine Unersättlichkeit weiß und sich deshalb leichten Herzens auf eine Bedingung einlassen kann, die selbst bei formaler, aber nur scheinbarer Erfüllung inhaltlich uneingelöst bleiben wird. Im Himmel dagegen herrschen ganz andere Maßstäbe; eine auf Erden geschlossene Wette bindet den Herrn in keiner Weise.

Oder in gewisser Weise doch? Es wäre doch unbefriedigend, wenn der Teufel sich redlich und vertragsgemäß ein Recht auf Fausts Seele erworben hätte und trotzdem höherer Gewalt weichen müßte; es bliebe ein schlechter Beigeschmack, wenn das himmlische Privileg auf der Mißachtung irdischer Fairneß gründete. Wir müssen uns noch etwas näher mit der Frage auseinandersetzen, ob Faust nun seine Wette mit dem Teufel verloren hat oder nicht. Mephisto wähnt sich zunächst als Sieger: Faust hat das im Vertrag fixierte „verweile doch“ ausgesprochen, Mephisto präsentiert den blutgeschriebnen Titel und will kassieren. Aber er irrt sowohl formal wie auch materiell: formal, weil Faust mitnichten den gegenwärtigen Augenblick zum Verweilen auffordert, sondern vielmehr im Irrealis spricht; materiell, weil Fausts Vision der Landgewinnung kein Endzustand befriedigter Sinnlichkeit und satter Selbstzufriedenheit, sondern zukunftsgerichtet und dynamisch ist. Der Augenblick ist kein statisch zu verstehender Augenblick, ist kein Ende, sondern Ausgangspunkt weiteren Strebens. Faust hat die Wette gewonnen. Den Himmel allerdings kann er nicht gewinnen, den kann er nur als Gnade empfangen. Faust hat sich strebend bemüht und ist erlösungswürdig; die Erlösung selber kommt von oben.

Soweit Goethe.

Und was ist heute?

Uns Heutigen will jedoch der Glaube an die Erlösung nicht genügen. Wir müssen über Goethe hinausdenken. Dabei können wir an ihn anknüpfen. Das Gute, so hatten wir gesehen, versteht sich von selbst, ist als Prinzip faßbar; das Böse ist nicht prinzipienfähig, sondern nur als Kontrastprogramm des Guten zu verstehen. Gerade darin liegt ja die Faszination, die das Böse auf nachdenkliche Gemüter ausübt: nicht in seiner Idee (die es als autonome nicht geben kann) , sondern in seiner Opposition zu den etablierten Werten. Das Böse bleibt immer inferior, ja letztlich fördert es – gegen seine Absicht – das attackierte Gute. Das Gute kann notfalls ohne das Böse bestehen, freilich um den Preis der Langweiligkeit; das Böse ohne das Gute als Orientierung ist nicht zu haben.

Es bleibt die Frage, wie es ohne den Erlösungsgedanken um die Zukunft des Guten und des Bösen bestellt ist. Das reflektierte Böse stirbt wegen der ihm innewohnenden Selbstdestruktion schon im Ansatz. Gefährlicher ist das naive, unreflektierte Böse; mehr als vor dem armen Teufel muß man sich vor dem dummen Teufel in acht nehmen. Er kann das Gute zerstören, jedoch nur mit der Folge der anschließenden Selbstzerstörung. Das Gute ist nicht ungefährdet, aber es hat die besseren Chancen.

Dieter Sienknecht

Anmerkung Bernd Stäglich (infoandersrum.net):
Dieses Essay hat mir freundlicherweise Dieter Sienknecht als Antwort auf meine Zweifel im Beitrag Stufentheorie zur Verfügung gestellt , ob es womöglich das "totale Böse" gibt. Das hätte mir fast mein positives, in die Zukunft gerichtetes Welt- und Menschenbild und meinen "Yin Yang"-Glauben zerstört, wonach auch im Finstersten immer ein wenig Gutes, ein kleines "Lichtlein" ist (und umgekehrt). Nun bin ich beruhigt. Das "totale Böse" gibt es nicht, denn es kann für sich alleine gar nicht existieren. "Das Gute" hingegen gibt es. Darüber freue ich mich.

Dieter Sienknecht hat neben seinem sehr handfesten Beruf in der Bildungsarbeit Literatur und Philosophie studiert. Er ist Autor der Bücher "Sozialpolitik" und "Menschenrechte" (Hamburg 2008/2005) und heute bei Amnesty International aktiv. Die Überschriften und Hervorhebungen im Text stammen sämtlich von mir, um das Essay in Art und Aufmachung den übrigen Beiträgen meiner Seite optisch anzupassen.
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