Stufentheorie

Die Stufentheorie von Lawrence Kohlberg (ein amerikanischer Psychologe und Erziehungswissenschaftler, geb. 25. Oktober 1927 in Bronxville, New York; gest. 19. Januar 1987) geht davon aus, dass die Entwicklung der gesamten Menschheit sich ähnlich vollzieht wie die Entwicklung von uns einzelnen Menschen. Ein Ansatz, der für mich eine hohe Wahrscheinlichkeit hat, dass er tatsächlich genau so stimmt.

Um den Ansatz zu verstehen, ist es wichtig, sich einmal unsere eigene menschliche Entwicklung vorzustellen. Die geht vom Säugling bis hin ins hohe Erwachsenenalter über immer neue Entwicklungs- und Einsichtsstufen bei jedem von uns. Die These ist: Warum soll dieser Ansatz nicht auch für die Entwicklung der Menschheit als Ganzheit geben. Viel spricht dafür. Hier nun die Vorstellung der Entwicklungsstufen von uns Einzelnen. So manches an den darin enthaltenen typischen Verhaltensweisen wird uns da ausgesprochen bekannt vorkommen. (Die Auswertung bezogen auf die Entwicklung der Menschheit als Ganzes finden Sie im Abschnitt "Ergebnis" unten):

Vorstellung der Entwicklungsstufen:
Achtung: Die nachfolgende Darstellung ist nicht original, sondern eine Mischung aus eigenen Worten und der Darstellung im Buch "Integrative Wirtschaftsethik" von Peter Ulrich, Bern 2008, S. 54 ff.:

I. Präkonventionelle Ebene - Niveau des Kleinkindes (ab ca 4 J)

1. Stufe (Baby/Kleinkind):

Unlustvermeidung durch Strafe und Gehorsam. Moralische Ansprüche und Vorstellungen gibt es noch nicht. In dieser Stufe wird egozentrisch gehandelt.

Richtig ist, was die Machthabenden wollen und was der Vermeidung von Strafe dient (Gehorsamsmoral).

2. Stufe (ca. 4-8 Jahre):

Hier erstmals auch eine zwischenmenschliche Perspektive und nicht mehr nur die egozentrische "Gehorsamsmoral"-Perspektive.

Richtig ist, was dem eigenen Vorteil dient, die anderen sollen aber auch auf ihre Kosten kommen. Gutes wird mit Gutem, Böses mit Bösem vergolten.
Möglich sind dabei die folgenden Verhaltenszustände:
a) Austausch (gegenseitige Nützlichkeit)
b) Vergelten oder Rächen von zugefügtem Leid bis man "quitt" ist
c) Nichteinmischung ("Leben und Leben lassen").

II. Konventionelle Ebene - Niveau des gut sozialisierten Kindes (ab ca 8 J)

3. Stufe (Interpersonelle Orientierung):

Orientierung an den moralischen Erwartungen anderer, insbesondere Autoritätspersonen ("Good Boy"-/"Nice Girl"-Orientierung). Das Kind möchte gern den Erwartungen von anderen entsprechen (z.B. denen seiner Eltern). Wenn es dabei "versagt", entwickelt es nicht nur Angst vor Strafe, sondern bekommt auch Schuldgefühle. Allerdings erhebt das Kind dabei den Anspruch, selbst auch nicht in seinen moralischen Ansprüchen und Erwartungen enttäuscht und verletzt zu werden.

Richtig ist, was den allgemeinen sozialen Normen von Gut- und Bravsein entspricht, die für alle gilt (also für Kind und Bezugsperson).

4. Stufe (Orientierung an "Law and Order", unreflektiertes Glauben):

Staatliche Gesetze, "göttliche Gesetze" und "ungeschriebene Gesetze" definieren jetzt, was gut und richtig ist bzw. zu sein hat.

Richtig ist, was "die Gesetze" sagen (Legalismus). Das können auferlegte "gesetzliche" Pflichten und Anordnungen sein (vom Machthaber oder vom "Gesetzgeber" erlassen) oder "von Gott" gesetzte (genauer: von einer Kirche oder einem Propheten gesetzte) sein, auf die man aus seinem tiefen Glauben heraus hört (Pflichtenmoral). Ob sinnvoll oder nicht - Soweit wird in dieser Stufe noch nicht gedacht. Leider auch heute vielfach noch ein echtes "bürgerliches" Problem. Ich würde mich freuen, wenn da die Wandlung schneller ginge. Näheres unten in der 5. Stufe.

4 1/2. Stufe Übergang (Von der Pubertät bis zur Erwachsenenwerdung! ):

Der Pubertäre ist jetzt subjektiv orientiert, nicht mehr sozial orientiert!

Richtig ist, was man selber für richtig hält. Eine gewisse "pubertäre" Aufsässigkeit also (Nonkognitivismus). Alles ist in Frage gestellt: Relativismus, Skeptizismus. Auch Autoritäten werden nicht mehr so einfach anerkannt.

III. Postkonventionelle Ebene - Niveau des mündigen Erwachsenen

5. Stufe (liberale Orientierung):

Die in der Kindheit gelernten Rollen und Normen verlieren nun ihre uneingeschränkte Gültigkeit. Sie sind jetzt kritisch hinterfragbar und werden nur noch als gültig (legitim) betrachtet, wenn "gute Gründe" für sie sprechen.

Diese Sicht enthält eine neue Art von Moralbewusstsein, die über den "überlieferten" (tradierten) Normen steht. In gesellschaftliche Übereinkünfte gegossen ist das der berühmte "Gesellschaftsvertrag", von dem in politischen Diskussionen und Seminaren immer mal wieder die Rede ist (Konstitutionalismus). Gibt es entsprechenden Bedarf mit anschließender gesellschaftlicher Übereinstimmung, darf er zwar überarbeitet werden, grundsätzlich ist er aber einzuhalten (Vertragsmoral).

Richtig ist, was der "Gesellschaftsvertrag" meint und vorsieht. In der Regel geht es dabei um Gerechtigkeitsfragen, um Nützlichkeits- und um Angemessenheitsfragen in der jeweiligen aktuellen Situation. Fragen also, ob und inwieweit das alles in dieser Situation eigentlich noch zum Vorteil aller ist (also im Sinne des Gemeinwohls) oder eben nicht mehr. Formal haben wir diese Stufe des "Gesellschaftsvertrags" in unserem System bereits. Von den (zwischen)menschlichen Abläufen leider noch nicht, wie ich oben bei der Darstellung der vierten Stufe (Legalismus) bereits angedeutet habe.

6. Stufe (Ethik):

Ab hier gelten nicht mehr nur irgendwelche "Gesellschaftsverträge", die überwiegend aus Nützlichkeitserwägungen heraus zustande gekommen sind. Ab hier gelten jetzt unantastbar und endgültig die Würde und Grundrechte aller Menschen. Ohne Ansehen ihrer Person und unabhängig von irgendwelchen Nützlichkeitserwägungen, die den einen im Gesamtgeschehen besser wegkommen lassen als den anderen.

Ergebnis

Nach Untersuchungen von Kohlberg an US-Amerikanern sind ungefähr erst 1 Viertel von ihnen auf der fünften Stufe angelangt. Die meisten befinden sich also noch im moralischen Denken von "Law and Order" (4. Stufe) bzw. im religiösen, puren Glauben (4.Stufe, teilweise sogar noch in der 1. Stufe der Menschheitsentwicklung -Gehorsamsmoral-). Oder sie befinden sich auf der 4 1/2. Stufe, der "Pubertät". Das ist die Stufe, wo wir ja auch im "wirklichen Leben" ziemlich durcheinander sind. Die alten Gewissheiten sind weg, doch was sind die neuen?

Die Folgen

A) Religiöser Wahn und Fanatismus

Fanatismus bis hin zu totalen Vernichtungsabsichten gegenüber allen Menschen, die "anders" sind oder etwas anderes für richtig halten als man selbst. Religiöser Glaube kann etwas sehr Schönes sein und einem ungeheure Geborgenheit geben. Doch er kann eben auch viel Verwüstungen anrichten und da müssen wir gegenan arbeiten. Das ist eindeutig immer noch eine Herausforderung: "Islamismus", "Boston-Attentäter", Koran-Verbrenner wie jener amerikanische Pastor.... (siehe auch mein Beitrag "Religion"). Oder "Homohasser", weil Schwulsein angeblich "widernatürlich" sei (siehe auch mein Beitrag "Homophobie").

B) Nihilismus und Skeptizismus

Der Rest der Menschheit ist über diese ersten, archaischen Stufen zwar hinaus, doch sind die meisten davon wie gesagt erst auf der 4 1/2. Stufe. Also genau in der "pubertären" Phase der Menschheitsentwicklung. Auch hieraus erwachsen Folgen, die zu bewältigen sind. Denn ist es nun unbedingt schöner, in dieser Phase zu verbleiben? Ohne rechte Perspektiven? Nichts gilt mehr, was uns in der "guten alten Zeit" einmal Halt gegeben hat? - Damals, als es noch so einfach war, einfach nur an den "lieben Gott" zu glauben? Daraus resultierend schließlich innere Unruhe und Aufsässigkeit, Nullbock-Mentalität, Zerstörungswut, "Unterm Strich zähl' ich"-Mentalität...

Die Herausforderung

Wir müssen beide Gruppen von Menschen mitnehmen. Die, die sich noch in der vorpubertären Phase bis hin zur 4. Kohlberg'schen Stufe befinden und die, die sich genau auf der "pubertären" 4 1/2. Stufe befinden. Und schließlich auch uns selbst! Die wir uns vielleicht als schon weitergekommen ansehen als jene, es aber vielleicht noch gar nicht sind. Ganz vielleicht nur daran zu erkennen daran, dass wir uns über "solche" Sachen überhaupt Gedanken machen.

Wie können wir erreichen, dass die bisher in ihrer Entwicklung zurückliegende Menschheit der 1. bis 4. Stufen auch noch die 5. Stufe und wir alle zusammen schließlich die 6. Stufe erreichen! Wo uns nicht mehr nur eifernder Glaube, das "Recht des Stärkeren" oder pures Nützlichkeitsdenken beherrschen, sondern wo Würde, Unantastbarkeit und Grundrechte für alle Menschen die allgemeine Grundlage sind - egal welchen Standes ("Klasse"), welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung wir sind.

Das ist das, "was diese Seite antreibt". Darum dreht sich hier im Grunde alles.
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