Stolperstein "Experten"

Ich habe nichts gegen Experten, ich frage sie selber gerne. Doch besonders im Bereich Ökonomie gilt es mittlerweile, die Verhältnisse mal wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Es darf nicht sein, dass uns die im Fernsehen so süffisant herablächelnden "Chefvolkswirte", "Wirtschaftsweisen" und "Wirtschaftsexperten" fortwährend erzählen, wie wir zu leben und was wir "alternativlos" zu wollen haben. "Kein Protektionismus", "Mehr Wettbewerb", "keine Kapitalverkehrskontrollen", "Unabhängige Notenbank" zum Beispiel. Das kommt dann auch noch in einem Ton, als handele es sich um einwandfrei nachgewiesene "Naturgesetze", gegen die wir bei Strafe unseres Untergangs "nun mal" nichts machen könnten. Das sind aber keine Naturgesetze, sie können es gar nicht. Ökonomie ist keine Naturwissenschaft.

Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft

Darin geht es um Bedürfnisse und damit auch um "nichtrechenbare Faktoren" (qualitative Faktoren) wie Zufriedenheit und Erfülltheit, also gerade nicht jene rechenbaren quantitativen Faktoren wie in Mengen und Preisen ausgedrückter Materialeinsätze und Löhne, die nur zu gerne deshalb herangezogen werden, weil sich damit so schöne elegante Formeln und Kurven an die Wand werfen und zu "Gesetzen" machen lassen.

Ökonomen sollten als Sozialwissenschaftler also danach forschen, was eigentlich unsere Bedürfnisse und Wünsche bezüglich eines "guten Lebens" sind und wie sie sich am besten erfüllen lassen. _Dazu sollten sie mehrere Lösungen anbieten und nicht nur "Mehr Wettbewerb" und "Wir müssen privatisieren", das sie uns nun schon über dreißig Jahren predigen. Und was im Ergebnis auf nichts anderes hinausläuft als auf's "Fressen und Gefressen werden".

Das gibt es zwar als eines der Gesetze des Lebens und der Natur (weiß ich), aber es gibt in der Natur auch das Modell der Kooperation und des Sich-Sozial-Verhaltens. Warum wird in der Wirtschaft immer nur das eine, das schlechtere, härtere Menschenbild bevorzugt und warum nicht das andere? Wie wäre es also, künftig die Gedanken "Mehr Kooperation" und "Mehr Fairness" untereinander in den Vordergrund zu stellen anstelle von "Mehr Wettbewerb" und "Unterm Strich' zähl' ich"?

In einem Sozialsystem gibt es immer Alternativen. Bedürfnisfragen sind immer auch wechselseitig zu sehende Befriedigungs- und Verteilungsfragen: Womit bekommen wir (für alle) das beste Ergebnis? Kommt keiner zu kurz? Kommen wir insgesamt damit klar?

Dann wird von uns abgeklärt: Was von den Vorschlägen (Alternativen) erscheint uns am besten durchdacht, strukturiert und verständlich aufgebaut? Diese Vorschläge nehmen wir und von den Experten nehmen wir diejenigen, die uns für die Umsetzung als am überzeugendsten und vertrauenswürdigsten erscheinen.

Irgendwann ist dann sicher auch mal ein Update fällig. Das ist dann aber allemal besser als wie bisher jenen Vertretern der Ökonomie das Feld zu überlassen, die konsequent die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden lassen.

Bei EDV-Projekten ist es doch auch nicht anders

Bei EDV-Projekten entwerfen wir ein SOLL-Konzept, schreiben das Projekt aus und entscheiden uns für den, dessen Vorschlag uns überzeugt. Wir sagen, was wir wollen und die EDV-Experten setzen das um. Irgendwann ist ein Update fällig, irgendwann auch ein neues Betriebssystem.

Das gibt Umstellungsschwierigkeiten (wir alle kennen das), aber deshalb verwirft man nicht gleich das ganze Projekt, so wie das derzeit unsere herkömmlichen, aus Funk und Fernsehen bestens bekannten Ökonomen tun.

Warum soll das für das ökonomische Leben außerhalb von "Netz" und "EDV" nicht genauso gehen? Da, wo es um unser Allerwichtigstes, um unser "gutes Leben", um unsere Wünsche und Bedürfnisse geht? Hier vermisse ich genau die Flexibilität, die unsere neoliberalen Ökonomen so gerne von uns fordern.

Selbst in der Financial Times gibt es inzwischen Klagen und Nachdenklichkeit wegen dieses Mankos der herkömmlichen Ökonomen. Junge Leute, die wegen der Krise in die VWL-Studiengänge strömen, um deren Zusammenhänge zu verstehen und zu meistern, bekommen die herkömmlichen neoliberalen Glaubenssätze vorgesetzt. Mehr ließe die Enge des Lehrplans "leider" nicht zu, heißt es dazu dann. Nun treffen sie sich spätabends oder am Wochenende außerhalb des Studiums, um auf andere Ideen zu kommen als die weiter stereotyp vorgebeteten.

Auch das Handelsblatt setzt sich mit diesem Missstand auseinander und bringt zunehmend nachdenkenswerte Beiträge. So monierte es in seinem Newsletter vom 14.10.2011, dass 2011 erneut zwei "Neoklassiker" mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, statt Neuem Raum zu geben: "Mit Thomas Sargent und Christopher Sims zeichnet das Nobelpreiskomitee zwei Vertreter der traditionellen Mainstream-Makroökonomie aus, die mit für die globale Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht wird".

Nein, mit diesen Neoklassikern muss langsam mal Schluss sein. Diese Mär von der "Effizienz der Märkte" und dass wir deswegen unbedingt noch mehr "deregulieren" und "privatisieren" müssen... Wirklich? Mit all den Immobilienblasen auf der einen und dem Hunger auf der Welt auf der anderen Seite?

Ich würde mir sehr wünschen, endlich mal auf Ökonomen zu treffen, die in das Wohl und die Zufriedenheit der Menschen verliebt sind und nicht so sehr in die Eleganz ihrer mathematischen Formeln. Ob das gelingt? Ich würde mich wirklich sehr freuen!
Stolperstein "Tabuprobleme"

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